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         Allgemeines über die Afrikanische Kunst und Kultur, der Versuch einer Gesamtbetrachtung
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Einleitung

Spiritualität, Expressionissmus, archaische Formen und Magie prägen allgemein die europäische Sichtweise auf die Afrikanische Kunst und Kultur und schon seit mehr als hundert Jahren wächst das Interesse der Europäer an dieser einmaligen, sehr ursprünglichen Kunstform. Obwohl lange schon in Europa die archaischen Kunstformen weitgehend verschwunden sind, ist jedoch die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit häufig erhalten geblieben und erklärt vielleicht die oft wundersame Berührtheit europäischer Betrachter beim Anblick traditioneller afrikanischer Werke.
Auch die urspüngliche Europäische Kunst richtete sich einst stark an religiösen Inhalten aus und in vorchristlicher Zeit stellten magische Objekte, Talismane und rituelle Objekte das Gros der europäischen Kunstformen dar.
Erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich über die religiösen Themen die individuelle Kunst, als Ausdruck der Persönlichkeit einzelner Künstler, mit der wir heute Europa in Verbindung bringen. Die Verbundenheit der Menschen mit religiösen Themen -die Suche nach dem Ursprung- ist jedoch elementar und allen Völkern gemeinsam, ebenso das Forschen nach dem tieferen Sinn des Lebens und des Todes. Es ist elementar diese Empfindungen künstlerisch zum Ausdruck zu bringen.

In Afrika haben sich viele archaische Riten bis in das 20. Jahrhundert (und auch bis in die Gegenwart erhalten); und gerade diese Ursprünglichkeit, gewachsen aus jahrhunderte- und jahrtausendealter Tradition, hat einen magischen Reiz, der auch den aussenstehenden Betrachter schnell vereinnahmt. Viele Masken und Figuren haben eine kultische Bedeutung, es muss aber auch angemerkt werden, dass die alleinige rituelle Verwendung keineswegs auf alle Arten afrikanischer Kunst zutrifft: Manche Objekte sind auch profaner Natur und müssen z. B.  als Trinkgefässe, Trommeln oder Musikinstrumenten nicht zwangsweise magische oder direkte religiöse Wirkungen entfalten. Gerade hier zeigt sich aber eine tiefe Verbundenheit zu schönen Formen und es zeigt sich, dass die afrikanischen Künstler grosses Ansehen geniessen können. Sicher haben viele Schmuckelemente an Gebrauchsgegenständen ihren Ursprung in religiösen Formen, woraus dann aber oft eigenständige Stile und Ableitungen entstanden sind.
Auffallend ist auch die grosse Vielfalt an unterschiedlichen Stilen und Kunstrichtungen innerhalb Schwarzafrikas. Die enorme Grösse des afrikanischen Kontinents und geografische Besonderheiten haben zu dieser multiplen Entwicklung beigetragen und es fällt sehr schwer von der klassischen afrikanischen Kunst allgemein zu sprechen. Während die grossen Flussläufe verbindend wirken, sind die Gebirgsketten im östlichen Afrika, sowie die weiten Regenwaldgebiete im Zentrum eher trennend und haben zur Entwicklung unterschiedlicher, eigenständiger Kulturen und Kunstformen beigetragen. Die afrikanischen Stile sind aber nicht nur innerhalb des afrikanischen Kontinents einmalig, sie finden auch ausserhalb Afrikas kaum ein vergleichbares Pendant. Die Stile der  einzelnen Ethnien sind meist unverwechselbar und werden wohl bereits über Jahrhunderte -wenn nicht schon länger- in ihren jeweiligen Grundformen weitergeführt. Bei diesen Stilmerkmalen scheint es sich jeweils um einen Teil des innersten Kerns kultureller Zugehörigkeit und Gemeinschaft einer Ethnie zu handeln und es drängt sich die Annahme auf ob die einzelnen Stile jeweils eine Art Urmatrix darstellen die den kulturellen Ursprung der jeweiligen Ethnie verkörpert.
Schon aus diesem Grund ist eine allgemeine, zusammenfassende Betrachtung der afrikanischen Kunst recht schwierig, wir versuchen hier trotzdem einen kleinen Überblick zu vermitteln.


Die recht oft vertretene allgemeine Ansicht, dass eine kunstvolle Form in Afrika ausschliesslich dann geschätzt wird wenn das betreffende Objekt rituelle Wirkung entfaltet, kann wohl ad acta gelegt werden. Freude an der Form allgemein -und an künstlerisch besonders ausdrucksstarken Objekte im Besonderen- ist auch den meisten afrikanischen Völkern eigen. Denn neben sehr einfachen Formen, die roh und ungeschliffen wirken können und gerade dadurch oft eine starke Ausstrahlung entfalten, existieren viele verfeinerte -und zum Teil mit ungeahntem handwerklichen und künstlerischem Können ausgeführte Objekte- die sich in ihrer Vollendung mühelos mit den Werken der hoch entwickelten europäischen Kunst messen können. Wie sollte auch sonst der enorme Aufwand zur Fertigung von Masken und Figuren gerechtfertigt werden, wenn eine bestimmte spirituelle Wirkung auch mit einfacheren Formen erreicht werden könnte? Kunst und rituelle Funktion scheinen oft zu verfliessen und gute afrikanische Kunstobjekte sind also oft viel mehr als nur rein kultische Kuriositäten; es sind tatsächlich die gewachsenen Formen einer Wurzel des kulturellen Erbes der Menschheit.
Typisches Merkmal eines echten afrikanischen Kunstwerkes ist oft die Komplexität und Ausdrucksstärke, gepaart mit gewollten Disproportionen und formalen Widersprüchen, die zwar einige Anforderungen an den Betrachter stellen, was aber auch dazu führt, dass sich die echte Kunst nicht leicht abnutzt oder gar schnell langweilig wird. Es kann vielmehr gesagt werden, dass anfänglich fremd -und im europäischen Sinne nicht immer nur oberflächlich "schön" empfundene Kunst- zu einer allmählichen Reifung des Betrachters führen kann um dann persönliche Empfindungen zu erwecken, die auf den ersten Blick noch nicht ersichtlich waren.

Wir sind in der Galerie bestrebt den ursprünglichen Kontext der Masken und Figuren zu ermitteln und kurz zu beschreiben.

Einige grundlegende Betrachtungen des allgemeinen Verhältnisses der Afrikanischen zur Europäischen Kunst

Noch im 19. Jahrhundert wurde die afrikanische Kunst aus europäischer Sicht häufig lediglich als Kuriosität betrachtet und meist gering geschätzt. Man gestand diesen Werken der afrikanischen Künstler oft keinen eigenständigen Kunstcharakter zu. Ungenaue, oft rohe Darstellungen und Abstraktionen -die in der afrikanischen Kunst so typisch sind- wurden einfach als handwerkliches Unvermögen interpretiert. Man war sich sicher auf die Kunst der Primitiven -hier Primitiv als negativ besetzter Begriff im Sinne von "roh" bzw. "einfachst"- herabblicken zu dürfen. Im 20. Jahrhundert änderte sich die europäische Sichtweise dann drastisch: Künstler der Moderne begannen sich von der afrikanischen Kunst inspirieren zu lassen und es wurde in grossem Stile adaptiert. Einige der berühmtesten Vertreter sind z. B. Pablo Picasso, Paul Klee, Amedeo Modigliani um nur einige wenige Künstler zu nennen.
Paul Klee interpretierte die Raphia-Gewebe der Kuba, Picasso versuchte sich u. a. an den Masken der Lega um sein Gemälde 'Les Demoiselles' zu komponieren und Modigliani inspirierten die Fang-Ngil Masken zu seinen langgestreckten Portraits in Kalkstein. Bald schon gehörten diese Arbeiten zu den hochgeschätzten Werken Europäischer Kunst und werden auch heute zu Höchstpreisen gehandelt. Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang wurde das Interesse an den afrikanischen Originalen erweckt und nun erschienen diese nicht mehr ganz so fremd und wenigstens beachtenswert. Durch die so veränderte Sichtweise der Europäer wurden die ursprünglich negativ bewerteten Eigenschaften der Afrikanischen Kunst sogar ins Gegenteil gekehrt: Die Abstraktion wurde als künstlerisches Stilmittel legitim, die Primitivität nun als Ursprünglichkeit erkannt. Es ist durchaus statthaft die besseren Stücke der Afrikanischen Kunst auf eine Ebene mit den modernen Werken der Europäischen Kunst zu stellen.
Natürlich sind diese genannten europäischen Werke keine plumpen Nachahmungen sondern durch die Verschmelzung europäischer Stilmittel, Farben, Formen und Materialien als eigenständig zu betrachten.

Nun erkannte man -analog zur modernen europäischen Kunst- den Wert und die Bedeutung der Abstraktion in der afrikanischen Plastik: Die Abstraktion ist in der afrikanischen Kunst wesentliches Stilmittel zur Darstellung von Vergeistigung und übergeordneten Naturgewalten; die meisten Figuren und Masken stellen keine Portraits von lebenden Personen oder Tieren dar, es sind Medien um den Kontakt zu diesen übergeordneten Institutionen aufrecht zu erhalten. Auch in der europäischen Malerei begann man sich zunehmend auf die Darstellung übergeordneter, auch spiritueller Empfindungen durch die Abstraktion zu besinnen so wie dies in den ursprünglichen afrikanischen Werken bereits seit Jahrtausenden üblich war. 
Erst dieser Reifungsprozess in der Betrachtung von Disproportion und Abstraktion hat in Europa dann zum notwendigen Kunstverständnis zur Bewertung der afrikanischen Kunst geführt.  
Längst haben sich die Schlüsselwerke der grossen abstrakten europäischen Künstler tief in das kollektive Gedächtnis Europas eingeprägt und lassen, in der Rückkopplung ihrer ursprünglichen Inspiration, damit auch die afrikanischen Werke vertrauter erscheinen.

Der gegenwärtige europäische Kunstbegriff ist nur schwer fassbar; im Wesentlichen stellen aber die Ausdrucksstärke, Originalität und die Zuordnung zu einem bestimmten Künstler, möglichst eingebunden in sein Gesamtwerk, die Merkmale sammelwürdiger Kunst dar. Die traditionelle afrikanische Kunst hat es in letztem Punkt recht schwer denn in den meisten Fällen findet sich keine Signatur und somit keine Zuordnung zu einem bestimmten, personifizierten Künstler. Während die europäische Kunst schon lange sehr individueller Ausdruck von Einzelpersonen bzw. Künstlern ist, stellt das Kunstschaffen der Afrikaner überwiegend den Ausdruck der Gemeinschaft und die Fortführung der traditionellen Formen dar, hinter denen der einzelne Künstler persönlich zurücksteht. Die europäische Kunst ist eitel und auf materiellen Wert ausgerichtet, während die afrikanische Kunst mehr als nur Eitelkeit zum Ziel hat, häufig (aber nicht immer) stehen der rituelle Gebrauch und die Wirksamkeit des Objektes im Vordergrund, also die Funktionalität im Sinne der Gemeinschaft und Tradition. Die traditionelle afrikanische Kunst hat aber auch überwiegend einen sozial motivierten Hintergrund, die den afrikanischen Schnitzer in seiner Formgebung an einen bestimmten Rahmen bindet.
Innerhalb dieses vorbestimmten Formenkanons ragen immer wieder einige besonders fein und hochwertig ausgeführte Objekte hervor die oft den Würdenträgern als Besitz vorbehalten waren, also auch die Funktion als Prestigeobjekt zu erfüllen hatten. Besonders begabte -und damit durchaus angesehene- Künstler der Afrikanischen Kunst konnten sich oft über exklusive Aufträge von hochgestellten Persönlichkeiten profilieren und gerade bei Prestigeobjekten zeigt sich dann wieder eine direkte Parallele zu der Motivation die auch dem  europäischen Kunstschaffens eigen ist: Das Prestige und die Eitelkeit der Besitzer der so entstandenen aussergewöhnlichen Kunstwerke.  

Provenienz

Da die meisten Kunstwerke der afrikanischen Kunst also anonym entstanden sind, bzw. von Europa aus die Künstler meist nicht mehr nachvollzogen werden können, hat sich an Stelle der Signatur die Angabe der Provenienz, also die Herkunft des Stückes innerhalb des ausserafrikanischen Marktes und der europäischen Vorbesitzer, etabliert. Der Nachweis der tatsächlichen rituellen Verwendung, auch alter Stücke, ist allerdings recht schwierig. In den wenigsten Fällen existieren hierzu Fotografien oder glaubwürdige Zeugenaussagen, lediglich die Gebrauchsspuren und die Alterungsspuren können dann als Kriterium dienen, ebenso eingehende stilistische Betrachtungen. Oft wurden jedoch gerade diese sehr alten Stücke ursprünglich nur als Kuriosität gesammelt, man legte grösseren Wert auf perfekte Erhaltung, Gebrauchsspuren waren eher hinderlich bzw. abwertend. Aus diesem Grund wurde durchaus auf eindeutige Gebrauchs- und Alterungsspuren verzichtet und häufig dem eindrucksvolleren, vollständig erhaltenen Stück der Vorzug gegeben. Es ist daher, auch bei einigen nachweislich sehr alten, musealen Stücken keineswegs die Verwendung im Kult immer zweifelsfrei gesichert. Bereits vor mehr als hundert Jahren wurde in den Kolonien für den Markt produziert. Es ist generell ein zweischneidiges Schwert diese afrikanischen Kunstwerke heute alleine nach dem Alter und der möglichen rituellen Verwendung zu klassifizieren, hier zeigt sich noch immer die heute einseitige europäische Betrachtungsweise, die ausschliesslich lange im Kult verwendete Stücke als legitime Kunst ansieht. Hier scheint sich der Kreis der Bewertungen dann zu schliessen, denn die von den Afrikanern so hoch geachtete  rituelle Funktion ist heute auch für die europäischen Sammler oft das non plus ultra, obwohl diese Sammler den afrikanischen Kulten selbst nicht angehören.
Die meisten Afrikaner zeigen sich hierzu allerdings etwas verwundert und gelegentlich auch belustigt, wenn sie erfahren, dass ein afrikanischer Fetisch in Europa durchaus im Schlafzimmer  aufgestellt wird (in weiten Teilen Afrikas wäre dies undenkbar, auch wenn der Fetisch keinerlei Zauberkraft mehr besitzt) ebenso Masken des Bwami-Geheimbundes der Lega die Wände des europäischen Wohnzimmers zieren (diese Masken hatten die Funktion des Ausweises der Mitglieder innerhalb des Bundes, im übertragenen Sinne werden damit abgelaufene Personalausweise wildfremder Menschen an die Wand genagelt) . Dies alles sind -aus afrikanischer Sicht- abstrakte Auswüchse der Zweckentfremdung afrikanischer Kunst. Umgekehrt werden aber auch in Afrika die Produkte europäischer Produktion gerne als Statussymbol verwendet, z. B. Handys oder Transistorradios oder andere Elektrogeräte, selbst wenn diese nicht mehr funktionstüchtig sind bzw. deren ursprüngliche Verwendung nicht genau bekannt ist. Eine Eigenart die von Europa aus dann ebenso mit gutmütiger Belustigung betrachtet wird.
Viele der tatsächlich im Kult verwendeten Objekte, oder zumindest für einen Kult konzipierten Stücke, zeigen jedoch eine starke Ausstrahlung und eine besondere Aura die kaum nachzuahmen sein dürfte und das wesentliche Kriterium bei der ersten Auswahl echter Stücke darstellt.
Insgesamt scheint sich aber der Trend etwas stärker gegen die einseitige Bewertung afrikanischer Kunst anhand von europäischen Sammlungs-Provenienzen zu entwickeln: Die unbeeinflusste, objektive Berwertung der künstlerischer Aussage und Originalität ohne zuhilfenahme der vorangegangenen Bewertung -möglichst illustrer Vorbesitzer eines Objektes- stellt eine Herausforderung dar, der immer mehr anspruchvolle -und mit dem notwendigen Hintergrundwissen ausgestatteten- Sammler den Vorzug zu erteilen scheinen.
Es ist im Übrigen nicht immer ganz einfach rituelle und profane Verwendung zu unterscheiden, denn oftmals sind auch mehrere Zwecke möglich. So sind z. B. die sogenannten Karyatidenhocker oft ursprünglich nicht als Sitzmobiliar konzipiert, diese Hocker haben vielmehr die Funktion einem Ahnen symbolisch als Sitzgelegenheit während wichtiger Versammlungen zu dienen. Wenn jedoch der Hocker ausgetauscht wird, oder auch in der Zwischenzeit der Versammlungen, ist eine Weiterverwendung als normaler Hocker üblich. Auch viele Figuren können sowohl als Ahnen- und Ritualfiguren konzipiert sein, als auch als Kinderspielzeug verwendet werden. Eine Zwillingsfigur-Figur (die eigentlich einen verstorbenen Zwilling repräsentiert) kann a: für die ursprüngliche Benutzung im Zwillingskult vom Schnitzer erworben werden, b: als Kinderspielzeug fungieren, c: als Kunsthandwerk exportiert werden. Auch ein authentischer Schnitzer bedient also gelegentlich mehrere Absatzkanäle, was die Klassifizierung nicht einfacher gestaltet: Die grundlegende Abgrenzung zwischen "für den Kult gefertigt" und " für den Verkauf hergestellt" ist gelegentlich kaum zweifelsfrei zu beantworten, besonders wenn das betreffende Stück nur kurzzeitig in Gebrauch befindlich gewesen sein sollte und noch keine signifkanten Gebrauchsspuren erkennbar sind. Neben der genannten grundlegenden Unterteilung in "für den Kult gefertigt" und "für den Verkauf hergestellt"  scheint aber noch eine dritte Variante zu existieren: Für den Kult gefertigt, jedoch mit dem vorausschaunden Gedanken eines späteren Verkaufs als authentisches Original, nachdem das Objekt tatsächlich eine Zeit lang rituell verwendet wurde: Hier wird dann lediglich das betreffende Stück früher gegen eine neue Arbeit ausgetauscht als unbedingt notwendig gewesen wäre, um einen guten Erhaltungszustand zu gewähren und um mit dem Verkauf echter Stücke gelegentliche Einnahmen zu erzielen (es handelt sich dann um Objekte der höchsten Authentizitätsklasse). Diese Methode ist eigentlich besonders schlüssig und durchaus dem "african way" naheliegend, denn es bietet sich förmlich an aus guten und aufwendig geschnitzten Stücken in dieser Form doppelten Nutzen zu ziehen.
In manchen Fällen wurden aber auch von europäischen Händlern dekorative Motive in Auftrag gegeben, die in der betreffenden Schnitzregion keine Tradition hatten: So wurden z. B. im Kameruner Grasland dekorative Elefantenmasken nachgefragt und als Auftragsarbeit für den Export geschnitzt (das Elefantenmotiv war in Europa wohl besonders gut verkäuflich). Nach geraumer Zeit fanden die Leute im Grasland aber selbst Gefallen an den Elefantenmasken und begannen diesen neuen Maskentyp in ihre rituellen Maskentänze zu integrieren. Es entstand daraus ein, auf das Alter bezogene, Paradoxum: Eine alte Elefantenmaske des kameruner Stils aus der Kolonialzeit war sicher nur für den Export konzipiert, während unter den Elefantenmasken jüngeren Datums durchaus echte, also getanzte Stücke vorkommen können.

Alter / Afrikanischer Zeitbegriff

Im afrikanischen Kulturkreis gelten häufig völlig von der europäischen Sichtweise abweichende Auffassungen zum Alter allgemein und zur Zeitrechnung im Besonderen. Die Sicht vieler afrikanischer Völker auf das Leben ist eingebunden in den Glauben an eine zeitlose, in der Unsterblichkeit wurzelnden Existenz der meisten Individuen und auch der daraus enstandenen Gemeinschaften. Der Kreislauf der Natur von Vergehen und Erneuerung wird auch auf die Menschen projektiert, diese leben folglich eingebunden in einem fortwährenden Schöpfungsprozess, was auch innerhalb der einzelnen Lebensabschnitte durch die Initiation dargestellt wird. Die Initiation ist eine Form von Tod und Wiedergeburt innerhalb des einzelnen Lebenszyklusses. Das individuelle Leben ist also lediglich die Fortsetzung des Lebens in der Tradition der Ahnen und nach der Initiation zum Erwachsenen gehört der noch jungendliche Mann bereits zu den reifen, vollwertigen Stammesmitgliedern. Folgend kann der betreffende Mann, je nach Verdienst, schon in relativ jungen Jahren zu den Alten gezählt werden, das tatsächliche Alter in Jahren ist hier relativ und eher untergeordnet. Auch kultische, religiöse Objekte stellen die Fortführung einer langen Kette vorangegangener Objekte dar. Nachdem ein Objekt in der ewigen Nachfolge eines Vorgängerstückes des gleichen Typs in Gebrauch genommen und initiert wurde, gilt diese Stück als alt. Ebenso unterliegen diese rituellen Objekte oft einem Lebenszyklus, der den Aufstieg, die Blüte und den Verfall darstellt. Sobald die Kraft des Objektes nachlässt wird dieses durch einen neuen Nachfolger ersetzt, welcher dann ebenso wieder unmittelbar nach der Ingebrauchnahme -und nachdem die Kraft des Vorgängers übertragen wurde- als alt gilt. Das ausgemusterte Objekt ist im Anschluss nutzlos, sofern es nicht neu initiiert wird und meist dem raschen entgültigen Verfall ausgesetzt. Die Pflege und Erhaltung von nutzlosen, abgelebten Gegenständen scheint wenig zweckmässig, oft werden lediglich die im Gebrauch befindlichen Objekte gepflegt und geschätzt. Das ausgemusterte Stück, das nun wirkungslos und "unbeseelt" ist, wurde in der Vergangenheit gelegentlich beerdigt oder beseitigt oder auch einfach veräussert.
Tatsächlich zeigen die meisten guten Stücke tatsächlich schon frühzeitig einen Ausdruck von Reife und Würde der einem kunsthandwerklichen Stück auch nach hundert Jahren der Aufbewahrung völlig fehlt: Letzteres wird immer "neu" aussehen, das Erstere jedoch teilt sich über die Patina und Ausstrahlung bereits in relativ  jungen Jahren dem Betrachter mit und kann dann durch weitere natürliche Alterung in der Sammlung zusätzlich reifen.
Zu beobachten ist ausserdem, dass bei guten Stücken die Gebrauchs- und Alterungsspuren meist eine Aufwertung darstellen und eine kunsthandwerkliche Nachahmung -nachdem sie beschädigt oder nachlässig aufbewahrt wurde- meist lediglich schäbig wirkt.

Ausblick der zukünftigen Entwicklung afrikanischer Kunst

Im Jahre 1989 wurde der Volksstamm der Dogon in Mali von der UNESCO zum kulturellen Erbe der Menschheit erhoben und diese Massnahme erzeugte entgültig auch für viele Nichtafrikaner damit eine völlig veränderte Sichtweise auf die ursprüngliche afrikanische Religion, Tradition und Kunst. Diese wurde spätestens durch die offizielle Erklärung des Stammes der Dogon zum kulturellen Erbe der Menschheit, zur vollwertigen, mit europäischen Kulturformen gleichwertigen, Kultur ernannt. Längst ist die Afrikanische Kunst hier über alle Zweifel erhaben lediglich eine minderwertige Kuriosität in der Weltkunst darzustellen. Vorbei sind die Zeiten in denen mitleidig und arrogant auf die afrikanische Tradition herabgesehen wurde und diese höchstens zum Zweck der Missionierung -und damit oft ihrer teilweisen Zerstörung- erforscht wurde.
In jüngerer Zeit wurde aber auch das immaterielle Erbe einiger afrikanischer Völker von der UNESCO geehrt, hier nur einige Beispiele:

Die Tradition des Ifá-Orakels des Stammes der Yoruba / Nigeria 2005

Die mündliche Tradition der Aka-Pygmäen / Zentralafrikanische Republik 2003

Die Makishi-Maskerade / Sambia 2005

Der Mbende-Jerusalema-Tanz der Shona / Simbabwe 2005

Man darf gespannt sein welche weiteren afrikanische Volksgruppen -und damit auch deren Kunstschaffen- in Zukunft den Status des Kulturellen Erbes der Menschheit erhalten werden. Besonders das kulturell höchst vielschichtige, grosse Kongobecken und Umgebung lassen hier beträchtlichen Raum für Spekulationen (hier sind u. A. die Stämme der Lega, Luba, Songye, die Stämme der Pygmäen, oder auch der Kuba-Stammeskomplex zu nennen), dies ist umso interessanter wenn man bereits vor der Entdeckung der UNESCO im Besitz attraktiver Objekte der betreffenden Volksgruppen sein sollte.

Durch die steigende Nachfrage nach traditionellen Werken ist die Anzahl von Kopien und Nachahmungen in den letzten Jahrzehnten immer weiter gestiegen. Da jedoch viele Kulte noch aktiv betrieben werden, sind auch im Laufe des 20. Jhdt. viele gute und auch sehr gute Objekte entstanden, die das Sammeln lohnenswert machen sofern man -bei sorgsamer Auswahl- vertrauenswürdige Kontakte pflegt. Die afrikanische Gesellschaft ist vielerorts im Aufbruch und es kann über die Zukunft der traditionellen Stammeskunst nur spekuliert werden. Da sich die afrikanische Gesellschaft in einem steten Fluss befindet sind grundlegende Veränderungen vorauszusehen: Alte Kulte werden erlöschen, andere wiederum auferstehen, auch die Gründung neuer Riten und religiöser Bräuche ist zu erwarten. Es bleibt abzuwarten wie stark die Verstädterung und die wirtschaftliche Entwicklung hier als Katalysator wirken, das ultimative Ende der rituellen afrikanischen Kunst ist jedoch am Wenigsten vorstellbar.

Neben der traditionellen Kunst etablieren sich in weiten Teilen Afrikas aber auch ganz neue und eigenständige Kunstformen die nur zum Teil in historischen Formen wurzeln.
Gemein ist diesen modernen Werken die Kommerzialität und dass diese Werke überwiegend bewusst für den ausserafrikanischen Markt erschaffen werden. Vorreiter war u. a. George Lilanga, der in Tansania die Bewegung der naiven afrikanischen Malerei begründtete. Auch die Steinskulpturen der Shona in Simbabwe stellen heute bekannte abstrakte Objekte der zeitgenössischen Afrikanischen Kunst dar. Darüber hinaus sind weitere moderne Kunstformen entstanden die höchst individuell und persönlich ausgeführt sind und ihrerseits wiederum eine Rückkopplung mit der modernen europäischen Kunst darstellen.

                                                                                    Uwe Schade, Wolfenbüttel, im Winter 2008/2009

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