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Einleitung
Spiritualität,
Expressionissmus, archaische Formen und Magie prägen allgemein
die
europäische Sichtweise auf die Afrikanische Kunst und Kultur und schon seit
mehr
als hundert Jahren wächst das Interesse der Europäer
an
dieser einmaligen, sehr ursprünglichen
Kunstform. Obwohl lange
schon in Europa die archaischen Kunstformen weitgehend verschwunden sind, ist jedoch die
Sehnsucht nach
Ursprünglichkeit
häufig erhalten geblieben und erklärt
vielleicht
die oft
wundersame Berührtheit europäischer Betrachter beim
Anblick
traditioneller afrikanischer Werke.
Auch die urspüngliche
Europäische Kunst richtete sich einst stark an religiösen
Inhalten
aus und in vorchristlicher Zeit stellten magische Objekte, Talismane
und rituelle Objekte das Gros der europäischen Kunstformen dar. Erst im Laufe der Jahrhunderte
entwickelte sich über die religiösen Themen die individuelle
Kunst, als Ausdruck der Persönlichkeit einzelner Künstler,
mit der wir heute Europa in Verbindung bringen. Die
Verbundenheit
der Menschen mit religiösen Themen -die Suche nach dem
Ursprung-
ist jedoch elementar und allen Völkern gemeinsam, ebenso das Forschen
nach dem tieferen Sinn des Lebens und des Todes. Es ist elementar diese Empfindungen künstlerisch zum Ausdruck zu bringen.
In Afrika haben
sich viele archaische Riten bis in das 20. Jahrhundert (und auch bis in die
Gegenwart erhalten); und gerade diese Ursprünglichkeit,
gewachsen
aus jahrhunderte- und jahrtausendealter Tradition, hat einen magischen
Reiz, der auch den aussenstehenden Betrachter schnell vereinnahmt. Viele
Masken und Figuren haben eine kultische Bedeutung, es
muss aber auch angemerkt werden, dass die alleinige rituelle Verwendung
keineswegs auf alle Arten afrikanischer Kunst zutrifft: Manche Objekte
sind auch profaner Natur und müssen z. B. als
Trinkgefässe,
Trommeln oder Musikinstrumenten nicht zwangsweise magische oder direkte
religiöse Wirkungen
entfalten. Gerade hier zeigt sich aber eine tiefe Verbundenheit zu
schönen Formen und es zeigt sich, dass die afrikanischen
Künstler grosses Ansehen geniessen können. Sicher haben
viele Schmuckelemente an Gebrauchsgegenständen ihren Ursprung
in
religiösen Formen, woraus dann aber oft eigenständige
Stile und Ableitungen
entstanden sind.
Auffallend
ist auch die grosse Vielfalt an unterschiedlichen Stilen und
Kunstrichtungen innerhalb Schwarzafrikas. Die enorme Grösse des
afrikanischen
Kontinents und
geografische Besonderheiten haben zu dieser multiplen Entwicklung
beigetragen und es fällt sehr schwer von der klassischen
afrikanischen
Kunst allgemein zu sprechen. Während die grossen Flussläufe
verbindend
wirken, sind die Gebirgsketten im östlichen Afrika, sowie die
weiten
Regenwaldgebiete im Zentrum eher trennend und haben zur Entwicklung
unterschiedlicher, eigenständiger Kulturen und Kunstformen
beigetragen. Die afrikanischen Stile sind aber nicht nur innerhalb des
afrikanischen Kontinents einmalig, sie finden auch ausserhalb Afrikas
kaum ein vergleichbares Pendant. Die Stile der einzelnen Ethnien
sind meist unverwechselbar und werden wohl bereits über
Jahrhunderte -wenn nicht schon länger- in ihren jeweiligen
Grundformen weitergeführt. Bei diesen Stilmerkmalen scheint es
sich jeweils um einen Teil des innersten Kerns kultureller
Zugehörigkeit und Gemeinschaft einer Ethnie zu handeln und es
drängt sich die Annahme auf ob die einzelnen Stile jeweils eine
Art Urmatrix darstellen die den kulturellen Ursprung der jeweiligen
Ethnie verkörpert.
Schon
aus diesem Grund ist eine allgemeine, zusammenfassende Betrachtung der
afrikanischen Kunst recht schwierig, wir versuchen hier trotzdem einen
kleinen Überblick zu vermitteln.
Die recht oft
vertretene allgemeine Ansicht, dass eine kunstvolle Form in Afrika
ausschliesslich
dann geschätzt wird wenn das betreffende Objekt rituelle
Wirkung
entfaltet, kann wohl ad acta gelegt werden. Freude an der Form
allgemein -und an künstlerisch besonders ausdrucksstarken Objekte
im Besonderen- ist auch den meisten afrikanischen
Völkern eigen. Denn neben sehr einfachen Formen, die roh und
ungeschliffen wirken können und gerade dadurch oft eine starke
Ausstrahlung entfalten, existieren viele
verfeinerte -und zum Teil mit ungeahntem handwerklichen und
künstlerischem Können ausgeführte Objekte-
die sich in
ihrer Vollendung mühelos mit den Werken der hoch entwickelten
europäischen Kunst messen können. Wie sollte auch
sonst der
enorme Aufwand zur Fertigung von Masken und Figuren gerechtfertigt
werden, wenn eine bestimmte spirituelle Wirkung auch mit einfacheren Formen erreicht werden
könnte?
Kunst und rituelle Funktion scheinen oft zu verfliessen und gute
afrikanische Kunstobjekte sind also oft viel mehr als nur rein
kultische Kuriositäten; es sind tatsächlich die
gewachsenen Formen einer Wurzel des kulturellen Erbes der
Menschheit.
Typisches Merkmal eines echten afrikanischen Kunstwerkes ist oft die
Komplexität und Ausdrucksstärke, gepaart mit gewollten
Disproportionen und formalen Widersprüchen, die zwar einige
Anforderungen an den Betrachter stellen, was aber auch dazu
führt, dass sich die echte Kunst nicht leicht abnutzt oder gar
schnell langweilig wird. Es kann vielmehr gesagt werden, dass
anfänglich fremd -und im europäischen Sinne nicht immer nur
oberflächlich "schön" empfundene Kunst- zu einer
allmählichen Reifung des Betrachters führen kann um dann persönliche
Empfindungen zu erwecken, die auf den ersten Blick noch nicht
ersichtlich waren.
Wir sind in der Galerie bestrebt den ursprünglichen Kontext der Masken und Figuren zu ermitteln und kurz zu beschreiben.
Einige grundlegende Betrachtungen des allgemeinen
Verhältnisses der Afrikanischen zur Europäischen Kunst
Noch im 19. Jahrhundert wurde die afrikanische Kunst aus
europäischer Sicht häufig lediglich als
Kuriosität
betrachtet und meist gering geschätzt. Man gestand diesen
Werken der afrikanischen Künstler
oft keinen eigenständigen Kunstcharakter zu. Ungenaue, oft rohe Darstellungen und
Abstraktionen -die in der afrikanischen Kunst so typisch sind- wurden
einfach als handwerkliches Unvermögen interpretiert. Man war
sich
sicher auf die Kunst der Primitiven -hier Primitiv als negativ
besetzter Begriff im Sinne von "roh" bzw. "einfachst"- herabblicken zu
dürfen. Im 20. Jahrhundert änderte sich die
europäische
Sichtweise dann drastisch: Künstler der Moderne begannen sich
von
der afrikanischen Kunst inspirieren zu lassen und es wurde in grossem
Stile adaptiert. Einige der berühmtesten Vertreter sind z. B.
Pablo Picasso, Paul Klee, Amedeo Modigliani um nur einige wenige
Künstler zu nennen.
Paul Klee interpretierte die Raphia-Gewebe der Kuba, Picasso versuchte
sich u. a. an den Masken der Lega um sein Gemälde 'Les
Demoiselles'
zu komponieren und Modigliani inspirierten die Fang-Ngil Masken zu
seinen langgestreckten Portraits in Kalkstein. Bald schon
gehörten
diese Arbeiten zu den hochgeschätzten Werken
Europäischer
Kunst und werden auch heute zu Höchstpreisen gehandelt. Nicht
zuletzt in diesem Zusammenhang wurde das Interesse an den afrikanischen
Originalen erweckt und nun erschienen diese nicht mehr ganz so fremd
und wenigstens beachtenswert. Durch die so veränderte
Sichtweise
der Europäer wurden die ursprünglich negativ
bewerteten
Eigenschaften der Afrikanischen Kunst sogar ins Gegenteil gekehrt: Die
Abstraktion wurde als künstlerisches Stilmittel legitim, die
Primitivität nun als Ursprünglichkeit erkannt. Es ist
durchaus statthaft die besseren Stücke der Afrikanischen Kunst
auf
eine Ebene mit den modernen Werken der
Europäischen
Kunst zu stellen. Natürlich sind diese genannten
europäischen
Werke keine plumpen Nachahmungen sondern durch die Verschmelzung
europäischer Stilmittel, Farben, Formen und Materialien als
eigenständig zu betrachten.
Nun erkannte man -analog zur modernen europäischen Kunst- den Wert
und die Bedeutung der Abstraktion in der afrikanischen Plastik: Die
Abstraktion ist in der afrikanischen Kunst wesentliches Stilmittel zur
Darstellung von Vergeistigung und übergeordneten Naturgewalten;
die meisten Figuren und Masken stellen keine Portraits von lebenden
Personen oder Tieren dar, es sind Medien um den Kontakt zu diesen
übergeordneten Institutionen aufrecht zu erhalten. Auch in der
europäischen Malerei begann man sich zunehmend auf die Darstellung
übergeordneter, auch spiritueller Empfindungen durch die
Abstraktion zu besinnen so wie dies in den ursprünglichen
afrikanischen Werken bereits seit Jahrtausenden üblich war. Erst
dieser Reifungsprozess in der Betrachtung von Disproportion und
Abstraktion hat in Europa dann zum notwendigen Kunstverständnis
zur Bewertung der afrikanischen Kunst geführt.
Längst haben sich die Schlüsselwerke der grossen abstrakten
europäischen Künstler tief in das kollektive Gedächtnis
Europas eingeprägt und lassen, in der Rückkopplung ihrer
ursprünglichen Inspiration, damit auch die afrikanischen Werke vertrauter
erscheinen.
Der gegenwärtige europäische Kunstbegriff ist nur
schwer
fassbar; im Wesentlichen stellen aber die Ausdrucksstärke,
Originalität und die Zuordnung zu einem bestimmten
Künstler,
möglichst eingebunden in sein Gesamtwerk, die Merkmale
sammelwürdiger Kunst dar. Die traditionelle afrikanische Kunst
hat
es in letztem Punkt recht schwer denn in den meisten
Fällen
findet sich keine Signatur und somit keine Zuordnung zu einem
bestimmten, personifizierten Künstler.
Während die
europäische Kunst schon lange sehr individueller Ausdruck von
Einzelpersonen bzw. Künstlern ist, stellt das Kunstschaffen der
Afrikaner überwiegend den Ausdruck der Gemeinschaft und die
Fortführung der traditionellen Formen dar, hinter denen der
einzelne Künstler persönlich zurücksteht.
Die
europäische Kunst ist eitel und auf materiellen Wert
ausgerichtet,
während die afrikanische Kunst mehr als nur Eitelkeit zum Ziel
hat, häufig (aber nicht immer) stehen der rituelle Gebrauch
und
die Wirksamkeit des Objektes im Vordergrund, also die
Funktionalität im Sinne der Gemeinschaft und Tradition. Die
traditionelle afrikanische Kunst hat aber auch überwiegend einen
sozial motivierten Hintergrund, die den afrikanischen Schnitzer in
seiner Formgebung an einen bestimmten Rahmen bindet.
Innerhalb dieses vorbestimmten Formenkanons ragen immer wieder einige besonders fein und hochwertig ausgeführte
Objekte hervor die oft den Würdenträgern als Besitz vorbehalten
waren,
also auch die Funktion als Prestigeobjekt zu erfüllen hatten.
Besonders begabte -und damit durchaus angesehene- Künstler der
Afrikanischen Kunst konnten sich oft über exklusive
Aufträge
von hochgestellten Persönlichkeiten profilieren und gerade bei
Prestigeobjekten zeigt sich dann wieder eine direkte Parallele zu der Motivation
die auch dem europäischen Kunstschaffens eigen ist:
Das
Prestige und die Eitelkeit der Besitzer der so entstandenen aussergewöhnlichen Kunstwerke.
Provenienz
Da die meisten Kunstwerke der afrikanischen Kunst also anonym
entstanden sind, bzw. von Europa aus die Künstler meist nicht
mehr
nachvollzogen werden können, hat sich an Stelle der Signatur
die
Angabe der Provenienz, also die Herkunft des Stückes innerhalb
des
ausserafrikanischen Marktes und der europäischen Vorbesitzer,
etabliert. Der Nachweis der
tatsächlichen rituellen Verwendung, auch alter
Stücke, ist
allerdings recht schwierig. In den wenigsten Fällen existieren
hierzu Fotografien oder glaubwürdige Zeugenaussagen, lediglich
die
Gebrauchsspuren und die Alterungsspuren können dann als
Kriterium
dienen, ebenso eingehende stilistische Betrachtungen. Oft wurden jedoch
gerade
diese sehr
alten Stücke ursprünglich nur als Kuriosität
gesammelt, man legte grösseren Wert auf perfekte Erhaltung,
Gebrauchsspuren waren eher hinderlich bzw. abwertend. Aus diesem
Grund
wurde durchaus auf eindeutige Gebrauchs- und Alterungsspuren verzichtet
und häufig dem eindrucksvolleren, vollständig
erhaltenen
Stück der Vorzug gegeben. Es ist daher, auch bei einigen
nachweislich sehr alten, musealen Stücken keineswegs die
Verwendung im Kult immer zweifelsfrei gesichert. Bereits vor mehr als
hundert Jahren wurde in den Kolonien für den Markt produziert.
Es
ist generell ein
zweischneidiges Schwert diese afrikanischen Kunstwerke heute alleine
nach dem
Alter und der möglichen rituellen Verwendung zu
klassifizieren,
hier zeigt sich noch immer die heute einseitige europäische
Betrachtungsweise, die ausschliesslich lange im Kult verwendete
Stücke als legitime Kunst ansieht. Hier scheint sich der Kreis
der
Bewertungen dann zu
schliessen, denn die von den Afrikanern so hoch geachtete
rituelle
Funktion ist heute auch für die
europäischen Sammler oft das non plus
ultra, obwohl diese Sammler den afrikanischen Kulten selbst nicht
angehören.
Die meisten Afrikaner zeigen sich hierzu allerdings etwas verwundert
und
gelegentlich auch belustigt, wenn sie erfahren, dass ein afrikanischer
Fetisch in
Europa durchaus im Schlafzimmer aufgestellt wird (in weiten
Teilen Afrikas wäre dies undenkbar, auch wenn der Fetisch
keinerlei Zauberkraft mehr besitzt) ebenso Masken
des
Bwami-Geheimbundes der Lega die Wände des europäischen
Wohnzimmers zieren (diese Masken hatten die Funktion des Ausweises der
Mitglieder innerhalb des Bundes, im übertragenen Sinne werden
damit abgelaufene Personalausweise wildfremder Menschen an die Wand
genagelt) . Dies alles sind
-aus afrikanischer Sicht- abstrakte Auswüchse der
Zweckentfremdung afrikanischer Kunst. Umgekehrt werden aber auch in
Afrika die Produkte europäischer Produktion gerne als Statussymbol
verwendet, z. B. Handys oder Transistorradios oder andere
Elektrogeräte, selbst wenn diese nicht mehr funktionstüchtig
sind bzw. deren ursprüngliche Verwendung nicht genau bekannt ist.
Eine Eigenart die von Europa aus dann ebenso mit
gutmütiger Belustigung betrachtet wird.
Viele der tatsächlich im Kult verwendeten Objekte, oder zumindest für einen Kult konzipierten Stücke, zeigen
jedoch
eine starke Ausstrahlung und eine besondere Aura die kaum nachzuahmen
sein dürfte und das wesentliche Kriterium bei der ersten
Auswahl
echter Stücke darstellt.
Insgesamt
scheint sich aber der Trend etwas stärker gegen die einseitige
Bewertung afrikanischer Kunst anhand von europäischen
Sammlungs-Provenienzen zu entwickeln: Die unbeeinflusste, objektive
Berwertung der künstlerischer Aussage und Originalität ohne
zuhilfenahme der vorangegangenen Bewertung -möglichst illustrer
Vorbesitzer eines Objektes- stellt eine Herausforderung dar, der immer
mehr anspruchvolle -und mit dem notwendigen Hintergrundwissen
ausgestatteten- Sammler den Vorzug zu erteilen scheinen.
Es ist im Übrigen nicht immer ganz einfach rituelle und
profane
Verwendung zu unterscheiden, denn oftmals sind auch mehrere Zwecke
möglich. So sind z. B. die sogenannten Karyatidenhocker oft
ursprünglich nicht als Sitzmobiliar konzipiert, diese Hocker
haben vielmehr die Funktion einem Ahnen symbolisch als Sitzgelegenheit
während wichtiger Versammlungen zu dienen. Wenn jedoch der
Hocker
ausgetauscht wird, oder auch in der Zwischenzeit der Versammlungen, ist
eine Weiterverwendung als normaler Hocker üblich. Auch viele
Figuren können sowohl als Ahnen- und Ritualfiguren konzipiert
sein,
als auch als Kinderspielzeug verwendet werden. Eine
Zwillingsfigur-Figur (die eigentlich einen verstorbenen Zwilling
repräsentiert) kann a: für die ursprüngliche
Benutzung
im Zwillingskult vom Schnitzer erworben werden, b: als Kinderspielzeug
fungieren, c: als Kunsthandwerk exportiert werden. Auch ein
authentischer Schnitzer bedient also gelegentlich mehrere
Absatzkanäle, was die Klassifizierung nicht einfacher
gestaltet:
Die grundlegende Abgrenzung zwischen "für den Kult gefertigt"
und
" für den Verkauf hergestellt" ist gelegentlich kaum
zweifelsfrei
zu beantworten, besonders wenn das betreffende Stück nur
kurzzeitig
in Gebrauch befindlich gewesen sein sollte und noch keine signifkanten
Gebrauchsspuren erkennbar sind. Neben der genannten grundlegenden
Unterteilung in "für den Kult gefertigt" und "für den
Verkauf
hergestellt" scheint aber noch eine dritte Variante zu
existieren: Für den Kult gefertigt, jedoch mit dem
vorausschaunden Gedanken eines späteren Verkaufs als
authentisches
Original, nachdem das Objekt tatsächlich eine Zeit lang
rituell
verwendet wurde: Hier wird dann lediglich das betreffende
Stück
früher gegen eine neue Arbeit ausgetauscht als unbedingt notwendig gewesen wäre, um
einen
guten Erhaltungszustand zu gewähren und um mit dem Verkauf
echter
Stücke gelegentliche Einnahmen zu erzielen (es handelt sich
dann
um Objekte der höchsten Authentizitätsklasse). Diese
Methode
ist eigentlich besonders schlüssig und durchaus dem "african
way"
naheliegend, denn es bietet sich förmlich an aus guten und
aufwendig geschnitzten Stücken in dieser Form doppelten Nutzen
zu
ziehen.
In manchen Fällen wurden aber auch von europäischen
Händlern dekorative Motive in Auftrag gegeben, die in der
betreffenden Schnitzregion keine Tradition hatten: So wurden z. B. im
Kameruner Grasland dekorative Elefantenmasken nachgefragt und als
Auftragsarbeit für den Export geschnitzt (das Elefantenmotiv war
in Europa wohl besonders gut verkäuflich). Nach geraumer Zeit
fanden die Leute im Grasland aber selbst Gefallen an den
Elefantenmasken und begannen diesen neuen Maskentyp in ihre rituellen
Maskentänze zu integrieren. Es entstand daraus ein, auf das Alter
bezogene, Paradoxum: Eine alte Elefantenmaske des kameruner Stils aus
der Kolonialzeit war sicher nur
für den Export konzipiert, während unter den Elefantenmasken
jüngeren Datums durchaus echte, also getanzte Stücke
vorkommen können.
Alter /
Afrikanischer Zeitbegriff
Im afrikanischen Kulturkreis gelten häufig
völlig von der europäischen Sichtweise abweichende
Auffassungen zum Alter allgemein und zur Zeitrechnung im Besonderen.
Die Sicht vieler afrikanischer Völker auf das Leben ist
eingebunden in den Glauben an eine zeitlose, in der Unsterblichkeit
wurzelnden Existenz der meisten Individuen und auch der daraus
enstandenen Gemeinschaften. Der Kreislauf der Natur von Vergehen und
Erneuerung wird auch auf die Menschen projektiert, diese leben folglich
eingebunden in einem fortwährenden Schöpfungsprozess,
was auch innerhalb der einzelnen Lebensabschnitte durch die Initiation
dargestellt wird. Die Initiation ist eine Form von Tod und Wiedergeburt
innerhalb des einzelnen Lebenszyklusses. Das individuelle Leben ist
also lediglich die Fortsetzung des Lebens in der Tradition der Ahnen
und nach der Initiation zum Erwachsenen gehört der noch
jungendliche Mann bereits zu den reifen, vollwertigen
Stammesmitgliedern. Folgend kann der betreffende Mann, je nach
Verdienst, schon in relativ jungen Jahren zu den Alten gezählt
werden, das tatsächliche Alter in Jahren ist hier relativ und
eher
untergeordnet. Auch kultische, religiöse Objekte stellen die
Fortführung einer langen Kette vorangegangener Objekte dar. Nachdem ein Objekt in der ewigen Nachfolge eines
Vorgängerstückes des gleichen Typs in Gebrauch
genommen und
initiert wurde, gilt diese Stück als alt. Ebenso unterliegen
diese
rituellen Objekte oft einem Lebenszyklus, der den Aufstieg, die
Blüte und den Verfall darstellt. Sobald die Kraft des
Objektes
nachlässt wird dieses durch einen neuen Nachfolger ersetzt, welcher
dann ebenso wieder unmittelbar nach der Ingebrauchnahme -und nachdem
die Kraft des Vorgängers übertragen wurde- als alt
gilt. Das
ausgemusterte Objekt ist im Anschluss nutzlos, sofern es nicht neu
initiiert wird und meist dem raschen entgültigen Verfall
ausgesetzt. Die Pflege und Erhaltung von nutzlosen, abgelebten
Gegenständen scheint wenig zweckmässig, oft werden
lediglich
die im Gebrauch befindlichen Objekte gepflegt und geschätzt.
Das
ausgemusterte Stück, das nun wirkungslos und "unbeseelt" ist,
wurde in der Vergangenheit gelegentlich beerdigt oder beseitigt oder
auch einfach veräussert.
Tatsächlich zeigen die meisten guten Stücke
tatsächlich
schon frühzeitig einen Ausdruck von Reife und Würde
der einem
kunsthandwerklichen Stück auch nach hundert Jahren der
Aufbewahrung völlig fehlt: Letzteres wird immer "neu"
aussehen,
das Erstere jedoch teilt sich über die Patina und Ausstrahlung
bereits in relativ jungen Jahren dem Betrachter mit und kann
dann
durch weitere natürliche Alterung in der Sammlung
zusätzlich
reifen.
Zu beobachten ist ausserdem, dass bei guten Stücken die
Gebrauchs-
und Alterungsspuren meist eine Aufwertung darstellen und eine
kunsthandwerkliche Nachahmung -nachdem sie beschädigt oder
nachlässig aufbewahrt wurde- meist lediglich schäbig
wirkt.
Ausblick der
zukünftigen Entwicklung afrikanischer Kunst
Im
Jahre 1989 wurde der Volksstamm der Dogon in Mali von der UNESCO zum
kulturellen Erbe der Menschheit erhoben und diese Massnahme erzeugte
entgültig auch für viele Nichtafrikaner damit eine
völlig
veränderte Sichtweise auf die ursprüngliche
afrikanische
Religion, Tradition und Kunst. Diese wurde spätestens durch
die
offizielle Erklärung des Stammes der Dogon zum kulturellen
Erbe
der Menschheit, zur
vollwertigen, mit europäischen Kulturformen gleichwertigen,
Kultur
ernannt. Längst ist die Afrikanische Kunst hier über
alle
Zweifel erhaben lediglich eine minderwertige Kuriosität in der
Weltkunst
darzustellen. Vorbei sind die Zeiten in denen mitleidig und
arrogant auf die afrikanische Tradition herabgesehen wurde und diese
höchstens zum Zweck der Missionierung -und damit oft ihrer
teilweisen Zerstörung- erforscht wurde.
In jüngerer Zeit wurde aber auch das immaterielle Erbe einiger
afrikanischer Völker von der UNESCO geehrt, hier nur einige
Beispiele:
Die Tradition des Ifá-Orakels des Stammes der Yoruba /
Nigeria 2005
Die mündliche Tradition der Aka-Pygmäen /
Zentralafrikanische Republik 2003
Die Makishi-Maskerade / Sambia 2005
Der Mbende-Jerusalema-Tanz der Shona / Simbabwe 2005
Man darf gespannt sein welche weiteren afrikanische Volksgruppen -und
damit auch deren
Kunstschaffen- in Zukunft den Status des Kulturellen Erbes der
Menschheit erhalten werden. Besonders das kulturell höchst
vielschichtige, grosse Kongobecken und Umgebung lassen hier
beträchtlichen Raum für Spekulationen (hier sind u. A. die
Stämme der Lega, Luba, Songye, die Stämme der Pygmäen,
oder auch der Kuba-Stammeskomplex zu nennen), dies ist umso
interessanter wenn man bereits vor der Entdeckung der UNESCO im Besitz
attraktiver
Objekte der betreffenden Volksgruppen sein sollte.
Durch die steigende Nachfrage nach traditionellen Werken ist die Anzahl
von Kopien und Nachahmungen in den letzten Jahrzehnten immer weiter
gestiegen. Da jedoch viele Kulte noch aktiv betrieben werden, sind auch
im Laufe des 20. Jhdt. viele gute und auch sehr gute Objekte entstanden,
die das Sammeln lohnenswert machen sofern man -bei sorgsamer Auswahl-
vertrauenswürdige Kontakte pflegt. Die afrikanische
Gesellschaft ist vielerorts im Aufbruch und es kann über die
Zukunft der traditionellen Stammeskunst nur spekuliert werden. Da sich
die afrikanische Gesellschaft in einem steten Fluss befindet sind
grundlegende Veränderungen vorauszusehen: Alte Kulte werden
erlöschen, andere wiederum auferstehen, auch die
Gründung neuer Riten und religiöser Bräuche ist zu
erwarten. Es
bleibt abzuwarten wie stark die Verstädterung und die
wirtschaftliche Entwicklung hier als Katalysator wirken, das ultimative
Ende der rituellen afrikanischen Kunst ist jedoch am Wenigsten
vorstellbar.
Neben der traditionellen Kunst etablieren sich in weiten Teilen Afrikas
aber auch ganz neue und eigenständige Kunstformen die nur zum
Teil
in historischen Formen wurzeln. Gemein
ist diesen modernen Werken die Kommerzialität und dass diese Werke
überwiegend bewusst für den ausserafrikanischen Markt erschaffen werden. Vorreiter war u. a. George Lilanga, der
in Tansania die Bewegung der naiven afrikanischen Malerei
begründtete. Auch die Steinskulpturen der Shona in Simbabwe
stellen heute bekannte abstrakte Objekte der zeitgenössischen
Afrikanischen
Kunst dar. Darüber hinaus sind weitere moderne Kunstformen entstanden die höchst individuell und persönlich
ausgeführt sind und ihrerseits wiederum eine Rückkopplung mit der modernen europäischen Kunst darstellen.
Uwe
Schade, Wolfenbüttel, im Winter 2008/2009
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